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Harry Weltstar

 

EIN ABEND MIT COMEDY

 

Der Sänger auf die Bühne trat,
Schlicht, ohne sich zu rühmen.
Ein Hauch von Bier und Fleischsalat
Verlor sich in Parfümen.

(Joachim Ringelnatz)

 

Ich berichte aus einer kürzlich vergangenen Zeit, denn es geschah an einem dieser trüben Sonntage im Advent. Weshalb weiß ich nicht, aber es blieb in  meiner Erinnerung, wie so manches. Beim Frühstück zündete ich den Adventskranz  an. Er brannte schön, aber das vertrieb nicht meine Eintrübung. Da raffte ich mich auf, rief bei unserer Mehrzweckhalle an, denn ich hatte soeben beschlossen, zu meiner Erheiterung einen als Kabarett auf höchstem Niveau angekündigten aus Funk und Fernsehen sehr bekannten deutschen Comedystar – auf Weltniveau, versicherte die Werbung -, der am Abend in der städtischen Mehrzweckhalle zur Aufführung gebracht wurde, zu besuchen. Das wurde auch sozusagen,  ähm, irgendwie total.

 

Gleich zu Beginn ging das Kabarett los. Der Comedystar Harry – einer der dauergrinsenden von der Quatschgilde, Quotenkönig beim TDF, stellte sich schnell heraus, seine angeborene Talentlosigkeit quoll ihm aus allen Poren gleich dem Besatz des Brusthaartupets aus dem geöffneten Hemd; trauriges Ergebnis eines dünnen Ejakulats - brachte bei den Zuschauern das Zwerchfell zum Erschüttern, als er ihm zu Gehör brachte, wie er versicherte, es sei ihm eine hohe Ehre und er freue sich auch, in dieser wunderschönen Mehrzweckhalle sein Bestes geben zu dürfen. Infolge dieses stimmungsgewaltigen Wortschatzes, den der Star am laufenden Band in geschliffener Sprache ablieferte, erreichte er durch seinen funkelnden Humor – zu dieser frühen Abendstunde noch oberhalb der Gürtellinie – spielend das angekündigte Weltniveau, das er den ganzen Abend über beibehielt. So führte das erschütterte Zwerchfell zudem zu heftigem Schenkelklopfen, welchem sich das Publikum restlos  hingab. So stand es im Bericht über das kulturelle Ereignis der Lokalzeitung. Was es in Deutschland nicht alles gibt.

Gleiches geschah bei der unheimlich tief gehenden Moritat – so urteilte der Blödmann seine Darbietung, gezeichnet von fäkebukischer Demenz, selbst, ich hatte den Eindruck, der eierlose Saftsack meinte das im Ernst – „Als ein Juchtenkäfer den Kapitalismus rette.“ Beim Erzählen verzog der Vortragende, weiß Gott warum, die Mundwinkel nach unten. Da brach mein Nachbar in dröhnendes Lachen aus. Ich fragte ihn besorgt, ob er o.k. sei. Zwischen seinem Japsen konnte ich ihn verstehen, dass der wahnsinnig witzige Quizmaster im Moment ganz doll Angela Merkel nachahme. Trotz dieser Belehrung über die stereometrische Darstellung von Angela Merkel konnte ich nicht lachen. Ich fand, dass mir nicht danach zumute war. Es erregte mich nicht.

Bald darauf ließen nicht enden wollende Lachsalven die Mehrzweckhalle in ihren Grundfesten erbeben. Der Comedystar erläuterte nämlich, er wolle jetzt mit satirischem Klartext seine beste Nummer zeigen. Er war endlich auf dem Niveau des Hodenkitzlers Mario Bath, dem Tittenfernsehen als Massenunkultur, angekommen. Er löste seinen Gürtel und ließ die Hosen, auch seine Unterhose, die mit Herzchen bedruckt war, runter. Durch diesen tollen Einfall, bekannt durch Funk, Fernsehen und viele Aufführungen von Faust und Hamlet in Stadttheatern, war als einer der Höhepunkte des Abends sein Schniedel zu sehen. Ein Vorzeigestück des Snobismus der Dummheit. Der war zwar das Übliche, hatte keine Weltextraklasse – nun, für 8,50 € kann man nicht mehr verlangen -, aber der Comedystar erklärte, mit dieser satirischen Kostbarkeit wolle er die Situation in unserer Überflussgesellschaft entlarven und hinterfragen; wir alle müssten den Gürtel enger schnallen. Der Schniedel des Comedian floss allerdings nicht über, das ist beim Unterwäsche- und Spermatheater unserer städtischen Bühnen, das sich Regietheater nennt, besser geregelt. Man  muss Verständnis dafür haben, die cortexreduzierten Dauergrinser vom Matschgewerbe führen keine Glanzstücke des Regietheaters mit seiner grenzdebilen Unterkomplexität auf. Sondern „kabarettistische“ Events. Seinen Gürtel schnallte er enger, nachdem er seine Unterhose und Hose hochgezogen hatte. Wie sich in diesem Augenblick zeigte, hatte sich die Darbietung des Besten Harrys, des Quotenkönigs vom ZDF, das er trefflich ins Scheinwerferlicht gestellt  getragen hatte, zu einem Härtetest für die Lachmuskeln entwickelt. Donnernder  Applaus belohnte diesen Mega-Auftritt vor einem restlos begeisterten Publikum, der sich zu einem Orkan steigerte, als der Comedystar mit seinem unerreichbaren, manchmal akrobatischen Wortwitz sein Publikum zu stehenden Ovulationen aufforderte. Eine grenzenlose Heiterkeit wie im Ballermann auf Mallorca breitete sich aus, so lacht der von digitaler Diarrhoe gezeichnete Teil der Bevölkerung bei seiner täglichen Verdummungsandacht vor der Matschscheibe. Das Publikum war nun total entfesselt, schrieb ein paar Tage später die Regionalzeitung in ihrer Beschreibung des Abends mit der Weltklasse. Die Zeitung begründete allerdings nicht ihr Urteil, wozu auch, sie bildet doch bloß.

So vergingen die knapp zwei Stunden wie im Flug. Zahllose funkelnde Diamanten deutschen Humors, teilweise mit seinen Banalsekreten auch die Zustände in unserer Gesellschaft mit seiner satirischen Ader und mit Augenzwinkern persiflierend, zwei Stunden unterbelichteten Geschwafels, hatte der  Comedystar Harry zur Aufführung gebracht. Die unvergesslichen Stunden des gelungenen Abends in unserer Mehrzweckhalle werden mir  in der Erinnerung bleiben.

Pit Segriet am 25.8.12 11:10


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Das Übel Liebe

Die Liebe hemmet  nichts;

sie lutscht enthemmt am Schokoriegel,

Pommes, Ketch und Majo fürchterlichst;

schlinget jeden Scheiß in sich.

Sie ist vom Anbeginn wie verdorbenes Geflügel,

da das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Pit Segriet am 22.8.12 10:11


PATCHWORK

 

 

CHRISTIANE

Leben unter der Patchworkdecke

 

Schon sehr, sehr lange, zumindest seit die HEILIGE SCHRIFT geschrieben ist, wissen wir, was ein einwandfreier Stammbaum ist. „ADAM: SETH: ENOS: KENAN/ MAHALALEEL/ Jared/ Henoch/ Methusalah/ Lamech/ Noah/ Sem/ Ham/ Japheth.

Die Kinder Japhet sind diese/ Gomer/ Magog/ Madai/ Jauan/ Thubal/ Mesech/ Thiras. Die Kinder aber Gomer sind/ Ascenas/ Riphat/ Thogarma. Die Kinder Jauan sind/ Elisa/ Tharsisa/ Chitim/ Dodanim.“ (D. Martin Luther, Die gantze Heilige Schrift, Band 1, DTV 1974, S. 740)

 

Ein ordentliches Kind, und ein deutsches zumal, hat ordentliche Eltern und alle haben einen ordentlichen, einwandfreien Stammbaum zu haben. Wie soll denn ein Kindsegen zu staatstragenden Bürgern gedeihen, wenn die Mutter nicht standesamtlich registriert, und in gleicher Weise ein Vater amtlich beglaubigt ist? Also braucht es richtige Eltern („richtig“, also mit amtlichem Siegel versehen), von denen alleine auch Geschwister herkommen, bis der Tod sie scheidet. Die richtigen Eltern ihrerseits stammen von richtigen Großmüttern und Großvätern ab, von denen Tanten und Onkeln, von diesen wiederum Cousinen und Cousins abstammen, weshalb es saubere, amtliche Stammbäume über Generationen hinweg gibt. Klar, übersichtlich, ordentlich, in Klarsichtsfolien in DIN A4-Leitzordnern, geordnet unter einem Übersichtsregister ablegbar.

 

Wen wundert es angesichts der heutzutage grassierenden, unübersichtlichen, unordentlichen, nahezu gemeinschaftszersetzenden Verhältnisse, dass Teilzeitabschnittslebenspartner ihr (?) Kind nicht mehr beim Pfarrer zur Taufe vortragen? Was soll denn der Arme in das leinengebundene „Stammbuch der Familie“ eintragen, da die klaren Stammbäume von wildem Gebüsch und verästelten Netzwerken überwuchert sind (es soll nicht verschwiegen werden, dass es auch noch weitere, gute Gründe für solches Verhalten gibt, aber das ist ein anderes Thema)? Wie sollen die Betroffenen – wenn es wieder einmal soweit ist – einen lückenlosen Rassenachweis führen? Seit urdenklichen Zeiten führen wir Grundstücksregister, um zu wissen, wer der Eigentümer eines Flurstücks ist, man muss doch eindeutig wissen, wem das Betreten verboten ist. Und genau aus gleichem Grunde brauchen wir weiterhin Stammbäume und Stammbücher, um zu wissen, wer amtlich als Frucht von welchem Acker anzusehen ist, den andere nicht betreten dürfen. Klare Ordnung und klarsichtfoliengeeignete Zuordnung ist die grundlegende Voraussetzung jeglicher abendländischen Moralität, die uns eine nicht hinterfragbare Richtschnur dafür gibt, was „Sitte, sittliches Verhalten“ (Duden Lexikon, rororo 1966, S. 1463, Stichwort: Moral) ist.

 

Geben Sie es doch zu, selbst ein CDU-Mit-Glied wäre gerne mit von der Partie gewesen – wäre er sicher, dass es nicht in die Presse gelangt -, als Christiane an ihrem 40. Geburtstag ihren Jürgen (den 4. in der Reihenfolge ihrer sequentiell Festen) in die mit Bachblütensud gefüllte Badewanne legte, und ihn mit einem halben Dutzend Räucherstäbchen sich selbst überließ, da gerade der Gerold (einer aus der Reihe der aktuellen Parallelen) ihr einen Höhepunkt als Beitrag zum Fest zu liefern versprach.

 

Ein Fest, das trotz seiner vordergründigen Bescheidenheit, ein Zeichen für die gesellschaftliche Struktur unseres neuen Jahrtausends setzt. Bei einem kleinen Champagnerfrühstück (als inzwischen arrivierte, nicht mehr selbst Gebatiktes tragende Oberstudienrätin und, als grüne Quotenfrau, stellv. Aufsichtsrätin des örtlichen Wasserkraftwerkes  gehört sich das einfach) im „engsten Kreis“ (wie auf dem Einladungsschreiben stand) hatte Christiane – kürzlich von „BRIGITTE“ als vorbildliche, alleinerziehende Mutter geadelt - ihre beiden, inzwischen halbwüchsigen  Kinder ihren jeweils vermutlichen Vätern und auch ihrem derzeitigen festen Sequentiellen, fast volljährigen Jürgen (der gerade in der Bachblüten-Badewanne kam) vorgestellt. Das war der angemessene Auftakt für ein heiteres Familienfest zum 40. von Christiane (immerhin trug ihr derzeitiger Feierabendpartner Jürgen bereits Sakko zu den Jeans, und es war zu erwarten, dass er mit seiner Volljährigkeit zum Dreiteiler wechseln würde). Dieter, nach ein paar nicht sehr befriedigenden Selbstfindungsversuchen und mehreren Schnäppchenjagden, die einem nüchternen Preis-Leistungsverhältnis nicht standhielten, ihr Erster von den Sequentiellen, hatte sich immer noch nicht von seinem Flanellhemd getrennt (einer der Gründe, weshalb auch seine kurze Zeit mit Christiane folgenlos blieb). Der 2.-sequentielle Herbert, mit dem es Christiane besonders gerne trieb (er war so kreativ-empfindsam und aufgeschlossenen allen neuartigen Erfahrungen gegenüber), soeben von seiner 7. Erinnerungswallfahrt nach Gorleben zurückgekehrt, zum Friseur gegangen und frisch geduscht nahm seine (wie er immer noch glaubt und bezahlt) Tochter Anna umarmend in die Arme. Johannes (sequentiell gezählt der Dritte) beglückwünschte Christiane zum trefflichen Gedeihen derselben, wobei er Christiane ein Leinensäckchen gefüllt mit biologischen Kirschkernen als vorbeugenden Schutz gegen Rheuma zum 40. überreichte. Dann begrüßte er Joho (der tatsächlich von ihm war). Schon bei Begrüßung gab es so genügend Erzählstoff für den engsten Familienkreis, um ganz zwanglos etwas miteinander zu plaudern, Erfahrungen auszutauschen, wobei im Gespräch sogar mehrfach das Stichwort von der „guten, alten Zeit“ fiel, die doch so übersichtlich war. Die ersten festen Sequentiellen und gelegentlichen Freizeitparallelen noch miteinander gut bekannt, keine Qual der Wahl vor dem Kleiderschrank, allenfalls: Baskenmütze oder Palästinensertuch, keine Qual der Wahl zwischen mehreren Parteien (es gab nur die eine Bewegung), ein wahres Paradies für einfache Leute. „Weißt du noch Christiane“, meinte Herbert, „damals im Wendland, wir hatten einfach nicht die Qual der Wahl, da wir einfach dasselbe wollten. Den Impetus müssen wir unserer Jugend weitergeben, auch wenn ich heute wegen der Bandscheiben den Schlafsack eher meide, aber es kommt ja auf den Kopf an.“ „Du darfst aber Herbert, bei aller notwendigen Realpolitik nicht vergessen“, warf Johannes ein, „dass das Elend in der Welt immer noch nicht, trotz unserer zahlreichen Proteste, geringer geworden ist. Ich bleibe bei meiner Linie. Ich opfere Jahr für Jahr meinen Urlaub und fliege zweimal zu den Entrechteten, schaue mir das an, protokolliere die sozialen Ungerechtigkeiten per Video und stelle dann meine Protestprotokolle ins Internet.“ Ein ganz normales Cocktailgespräch, wenn man in die Passatklasse aufgestiegen ist, und sich ein Erfahrungsaustausch über die ersten „Dritten“ als sehr erkenntnisfördernd erweist.

 

Wie in der guten, alten Zeit waren die ehemaligen Sequentiellen in tiefschürfende politische Diskurse geraten. Wovon Christiane sie erlöste, als sie gegen Mittag im „engsten Kreis“ ein von ihrem Lieblingsitaliener, der nur zum „Gelegenheitskreis“ zählt, „feuriges pollo al diavolo” und Prosecco servierte, bis dann gegen 15.00 Uhr auch der „erweiterte Familienkreis“, mit dem Christiane ihren 40. begehen wollte, anrückte. Da war auch der fast volljährige Jürgen aus der Badewanne gestiegen und wieder anwesend. Der Gerold hatte, nach seinem ersten Höhepunkt als Beitrag zum Fest wieder bürgerliche Kleidung angelegt und begrüßte, einen biologisch-ökologischen Rouge in der Hand haltend, den „erweiterten Kreis“ einzeln mit Küsschen rechts - Küsschen links. Christiane stellte beinahe alle ehemals Teilzeitparallelen allen ehemals Sequentiellen mit launigen Worten vor, wobei diese ohne größere Probleme ihre derzeitigen Lebensabschnittspartnerinnen dem Kreis der Feiernden zufügten, wobei der sich beträchtlich vermehrte,  was in der Natur der Sache liegt.

 

Da füllte sich die reetdachgedeckte Kate (auch eine Oberstudienrätin und stellv. Aufsichtsrätin des örtlichen Wasserkraftwerkes, die einige Monate, also halbsequentiell, auch einen ortsansässigen Jungunternehmer zwischen den Beinen hatte, muss sich das leisten dürfen), und alle sangen „Happy birthsday ...“  und „So ein schöner Tag ...“, und erinnerten sich mit Wehmut daran, wie damals bei Gorleben der Widerstand so spontan, und der vermeintliche Widerstand von Christiane nur vorgetäuscht war. Aber, da hatten sich die Helden  gerade erst auf­gemacht, die Verhältnisse zu durchschauen, deren Folgen sie heute kaum noch überblicken können.

 

 

 

Pit Segriet am 18.8.12 16:36


Jubel

 

Als der Fußpilz weg war

 

Viktoria! Viktoria!

Der lästig Fußpilz nicht mehr da.

Du, Mutter! komm, und groß und klein

schnuppert! kommt und guckt zwischen Zehen mein,

nicht mehr die Spur vom hellen weißen Schleim.

 

Mein Fußpilz ging jetzt auf die Reisen,

du liebes Kind! Gott halt mir den Fuß gesund,

und steck die Zeh in deinen kleinen Mund,

musst vor Ekel nicht mehr scheißen!

 

Pit Segriet

Pit Segriet am 16.8.12 15:05


CHRONOSPERIPATHETHISCHE EMANATIONEN EINER KOSMISCHEN GEWORFENHEIT

AUS DEM BLÜHENDEN KULTURLEBEN VON IRGENDWO

Ilse Fässle  (47), geb. Schneider, die Ehefrau vom Gustav Fässle, dem Gipsermeister von Irgendwo, ist eine der tragenden Stützen von Irgendwo. Als erster Alt des Kirchenchors bereichert sie unser religiöses Brauchtum und sie ist eine der Begabtesten  unseres Kulturvereins Kreativwerkstatt, dessen Leitung in den bewährten Händen von Yvonne liegt. Legendär ist ihre Käse-Sahne-Torte, die sie zum allgemeinen Wohlgefallen sowohl zu den Übungsstunden des Kirchenchors als auch zu den Arbeitssitzungen der Kreativwerkstatt mitbringt. Ihr Tortengeheimnis besteht darin, dass sie unter die Mischung aus 600 gr. Vollfettquark und 500 gr. Sahne vorsichtig 12 in Courvoisier getränkte Rosinen samt dem Cognac hebt. Solche kleine Zutaten sind das Geheimnis großer Rezepte. Was wäre ein Rollmops ohne den eingerollten Schnitz einer saueren Gurke? Außerdem soll sie mit Hochwürden Hilarius …, aber ich will nichts gesagt haben, das Verhältnis gehört auch nicht hierher. Ilse ist eine Spätberufene, ihre persönliche künstlerische Handschrift und Ausdrucksweise wurden erst kürzlich entdeckt. Das kam so. Eines Abends saßen Hubert Schneider, der Bauunternehmer, Gustav Fässle und der Fliesenleger Thomas Brändlin mit ihren Ehefrauen zusammen, um die Erweiterung des Kindergartens um eine Kita zu klären, bevor sich der Gemeinderat mit dem Vorhaben befasst. So ist es in Irgendwo Tradition: zuerst die Regelung der Vergabe, dann die Ausschreibung. Noch vor den Sachfragen, aber nach einer kräftigen Brotzeit, wie sich das bei uns gehört, kam die Sprache auf die Tätigkeiten in der Kreativwerkstatt. Um diese anschaulich zu schildern, zeigte Ilse auch ein kräftiges Aquarell, das sie „gelbe Tulpen“ betitelte.

„Das Gelb hast Du sehr gut getroffen“, lobte Thomas und setzte eine Sachverständigenmine, wie sie gewiefte Handwerker in ihrem Repertoire haben, auf,

„ …aber auf die Tulpen wäre ich nicht gekommen“, urteilte Hubert.

Gustav sah es dem Gesichtsausdruck seiner Ilse an, dass diese im Begriff war, sehr enttäuscht zu sein. Dadurch drohte ihrem Fassadenbewurf das Schicksal, von Tränen stark beschädigt zu werden. Nichts Aufregendes, bei Frauen ist das oft so, wenn sie nicht, wie erwartet, gewürdigt werden.  Geschickt rettete Gustav mit sanften Worten die Situation. „Hubert, Du Rotzlumpe, die Dinger wo meine Ilse mache tut, sind doch abschdraggte Kunschd. Bei de abschdraggte Kunschd sieht der Kenner sofort die Tulpe, wann er uff de Bildtitel lueget. Des hädd se von der Yvonne gelehrt. Die Yvonne isch doch Französin, weischd, die verschdoht öbbis von Kunschd. Ne, Ilse.“ Ilse schaute ihren Gustav strahlend an, soviel Kunstverstand hatte sie bei ihm noch nicht erlebt. Der Fassadenbewurf von Ilse blieb heile, denn die gereizten Tränendrüsen hatten sich unter dem Eindruck von Gustavs Erklärung wieder beruhigt.  Hubert griff zum Bierkrug. Thomas wischte sich nach dem letzten Bissen Schwartemagen den Mund mit dem Hemdsärmel ab und meinte: „dann könnten wir zum Kindergarten kommen“.

 

Bei nächster Gelegenheit mit Käse-Sahne-Torte und Kaffee erzählte Ilse Yvonne und den anderen Künstlerinnen der Kreativwerkstatt von ihrer Entdeckung, dass sie „abschdraggte Kunschd“ macht. Das fanden alle sozusagen irgendwie authentisch. Yvonne riet ihr zudem, beim Malen von „abschdraggter Kunschd“ solle sie von Aquarell auf Papier auf Acryl und großformatige Leinwand umsteigen und breite Pinsel und Spachtel benutzen, das unterstreiche ihre persönliche Handschrift. Ilse folgte diesem Rat. Mit Folgen.

 

Kürzlich waren alle Kulturträger von Irgendwo, also eine überschaubare Zahl von Leuten, der Bürgermeister, der Hauptkommandant der Feuerwehr, die Vereinsvorsitzenden mit ihren Stellvertretern und Schriftführern sowie die Lehrer der Hauptsschule, auf den Beinen, denn im Nebenzimmer der „Linde“,  dem Traditionsgasthaus im Schatten der katholischen Pfarrkirche, nahm eine Ausstellung, sie „sensationell“ zu nennen, wäre entschieden zu verhalten gesagt, ihren Verlauf. Den Titel „Chronosperipathetische Emanationen einer kosmischen Geworfenheit“ hatte sich Ilse Fässle persönlich einfallen lassen. Ursprung dieser Bemühung war die Tatsache, dass die Ilse beim Friseur im „Goldenen Stuss“ las, dabei auch vom Chronometer, den Prinz Charles beim Besuch einer Patisserie im Haus der Nationen in Paris trug, die Rede war. An dieser Stelle wird sehr deutlich, dass die beim Friseurbesuch erworbene Belesenheit der Kreativität der Frauen zu höchster Blüte verhilft. Als Ilse nämlich von diesem Erlebnis den Kreativfrauen so gut sie sich noch an die vielen Fremdworte im „Goldenen Stuss“ erinnerte berichtete, schlug Yvonne in einem Kreativorgasmus vor, das Triptychon, das zur Ausstellung gelangen solle, „Chronosperipathetische Emanationen“ zu betiteln. Ich schlage vor, „… einer kosmischen Geworfenheit“, fügte Gertrud Schäufele hinzu, „ des isch so scheen abschdraggt“. So kam die Ausstellung zu ihrem Titel.

 

Bei der Ausstellung war das Triptychon im Nebenraum der „Linde“ an drei Wänden aufgehängt. Es entfachte, da es „mit ihren eigenen Händen von Ilse Fässle auf Weltniveau in der Art eines zuerst kreativ kosmischen Geschehens, dann eines abgebrannten brillanten Feuerwerks, in die Welt geworfen war“, wie unser Heimatblatt in einer Würdigung der Exhibition kenntnisreich urteilte, bei den Besuchern eine Menge Nachdenken. Wir Irgendwoer sind nachdenkliche Leute, das oberflächliche Konsumieren von anspruchsvoller Kunst ist nicht unser Ding. Die einführenden Worte sprach Dr. Trübsam von der Gewerbeschule in Unterirgendwo, in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund. Er ist für derartige Vorträge geradezu prädestiniert, denn er waltet schon lange seines zusätzlichen Amtes als Inhaber der Lehrbefugnis für „postäonale Komplexitäten“ an der „Akademie für angewandtes Design“ (früher „Ausbildungsstätte des Anstreicherhandwerks&ldquo aus, das er bestens ausfüllt. Seine Worte, eine epochale Deutung der künstlerischen Handschrift von Ilse Fässle, werden nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben.

 

Meine Damen und Herren,                                                                     

liebe Freunde der Kunst, die von der Handschrift Ilse Fässles deutlich gezeichnet ist!

 

Herzlich willkommen in der durchgeistigten Welt der einsam auf dem Gipfel ihres eindrucksvollen Wirkens elysisch thronenden Künstlerin, die zu ehren heute unsere freudig wahrgenommene Aufgabe ist. Gestatten Sie mir, dass ich mich des klassisch gewordenen luziden Kosmos der Sprache Goethes und Schillers befleißige, denn mit diesen ist es mir heute ehrenvoll gegönnt, Ihnen das Triptychon, das in diesem festlich beleuchteten Nebenzimmer des örtlichen Gasthauses einen Ehrenplatz einnehmen darf, an der Wand hängt, dem begreifenden Zugang ihres Verstehens des neueren Werkes zu ermöglichen. Oh, welche Tiefe der Gedanken der christlich-abendländischen Tradition spricht uns aus diesem Kunstwerk an. Schon der Titel dieses Kunstereignisses von absolutem Weltrang, „Chronosperipathetische Emanationen einer kosmischen Geworfenheit“, lässt unserem Gemüt ein heiliges Schaudern hinzufügen, denn wir gewahren eine Bilderfindung von geradezu archaischer Wucht und gezeichnet von mythischer Ungewissheit; so mag es Goethe ergangen sein, als er im Erzgebirge einsam vor sich hinwandelnd zu Fuß unterwegs war und dort die Ruhe über allen Tannenwipfeln erblickte. Damit müssen wir uns abfinden. Hegel ist ja auch nicht einfach zu lesen. Doch hat man sich dem exorbitanten Werk unserer verehrungswürdigen Künstlerin auf Sichtweite genähert, stellt sich heraus, dass seine Wesenheit – der Titel lässt es zu vermuten nicht zu – ein sehr einfaches Relikt, freilich von metaphysisch-enigmatischer Konsistenz in nichteuklidischer Manier, ergo dem Geist des ausgehenden 20. Jahrhunderts entsprungen zu sein mit Gewissheit anzunehmen ist. Diese zeitliche Zuordnung ergibt sich ganz unbezweifelbar aus den zahlreichen Relikten von „Britt“, einem in jener Zeit gebräuchlichen Klebemittel, das auch für Papierbastelarbeiten geeignet ist, auf den Bildtafeln, quasi ein Markenzeichen jener kunstfernen Zeit, die die schlampig hastige Handwerkspfuscharbeitsweise des damaligen Äons manifestiert.

 

Betrachten wir zuerst den linken Flügel des Gesamtkunstwerkes an der Vertäfelung der linken Seitenwand dieses, mit im Morgentau in den lieblichen Auen von Irgendwo gepflückten Feldblumen, geschmückten Raumes – ach, wie liebe ich diese entzückende Einfachheit, die uns die göttliche Natur schenkt - mit dem Titel „dli sti“. (zeigt auf das Bild)

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Blitzartig überfällt unser in stiller Betrachtung versunkenes Auge ein erkennendes déjà-vue-Erlebnis als Inkrustration der einsam wie ein Röslein in der Heide sich befindenden Weltseele, das, gleich Goethes Faust und Schillers Räubern, das ontologische Substrat des unvergänglichen oeuvres von Ilse Fässle im harmonischen Überschwang der hymnischen Reinheit der equilibristischen Ausgewogenheit von Formen und Farben, gleich dem gonokokkeninduzierten Befall von hochsensiblen Körperteilen mit natürlich nächtlich juckenden Parasiten, der Welt als Kulturerbe schenkt. Bei diesem Anblick ergreift rhapsodisches Schwingen unsere ästhetischen Sinnesorgane als hätte Tizian mit eigener Hand einen Höhepunkt abendländischer Kunstgestaltung geschaffen. Welcher Hausfrau und deren Ehemann, sofern er die Gattin beim Erwerb des Sonntagsbratens begleitet, ist nicht das Hackebeil des Metzgers, mit dem er die einzelnen Koteletts vom geballten Strang des Schweinerückens mit gezieltem Hieb trennt, aus eigener Anschauung geläufig? Ebenso beherzt mit Pinsel und Schere den Malgrund wohl bedeckend – nahezu genialisch ist in diesem Zusammenhang der Verzicht auf die noch im 19. Jahrhundert kleingliedrige Gestaltung eines Landschaftshintergrundes - offenbart uns die in den höheren Sphären des Elysiums agierende Künstlerin die Botschaft, gleich dem mit Flammenschrift an der Wand des Palastes des Belsazar erscheinenden Menetekel: „Mene mene tekel, u-pharsin“, dass ein „ex“, woran ein Klebeschnipsel erinnert, wie man eine vergangene Liebe, die sich in gewaltausbrechenden Hass verwandelt hat, zu bezeichnen pflegt, das Mysterium seiner ehemaligen Liebe mit gezielten Hieben in Stücke zerlegt hat, die uns die Künstlerin in das erinnernde Gedächtnis ruft. Vor uns haben wir ein Musterbeispiel einer mit begnadeten Künstlerhand geschaffenen, unser identifikationsuchendes Bewusstsein mit heiterem Sinn für gute und schöne Ware füllenden Synthese von diszipliniert bildnerischer Gestik und tiefschürfendem faustischen Suchen nach der ewig göttlichen Emanation der Leichtigkeit als solchen. Mit überzeugendem Formen, Lineaturen und Energien, die sich in erratischen Fundstücken materialisieren, hat in diesem linken Flügel, wie auch in dem Mittelteil, auf das ich im Anschluss daran zu sprechen zu kommen mich anschicke, hat die Künstlerin dem deutschen Sprachschatz, den Goethe und Schiller, unsere Helden von Weimar, die dort in vorbildhafte Einträchtigkeit in Bronze auf einem Sockel stehen, der deutschen Bühnenlandschaft zur pfleglichen Verwendung zugeeignet und geschenkt haben, einen sprachlosen Melodienreigen voller malerischer Anmutungen geschenkt.

 

Betrachten wir nun das Mittelstück des Triptychons, das hinter mir an der Stirnwand dieses Raumes befestigt ist. (zeigt auf das Bild)


Sehenden Auges haben wir es bei dieser herkulischen Hervorbringung mit dem Titel „spre hrte“ mit der apokalyptischen Perplexität zu tun, mit der schon die Aoplexis erzeugende Gnosis des späten Frühmittelalters in den Zusammenkünften der Geheimbünde hinter verschlossenen Türen raunte: „Die eigentliche Natur des Menschen ist das, was unter der erscheinenden Natur liegt.“ So offenbart uns, gleich einem Schmetterling, der mit seinen Facettenaugen die uns fremde Sicht auf die göttlichen Blumen einer Frühlingswiese pflegt, die nur scheinbar geordnet erscheinende Magie der in zwei dominanten Farben gemeißelten lyrischen Gravuren, weshalb die Lebenslandschaft des im oberen Drittel der Bildgestaltung symbolisch zu deutenden figurativen Bruchstücks einer aufscheinenden weiblichen Natürlichkeit, den herben Charakter einer dionysischen Fragmentur mit einem Restbestand von christlichem Moralempfinden, sich mit sparsam ausgemalten Farben Ast- und Blattwerk dem voyeurhaften öffentlichen Anblick ihres Genitaltraktes, des mythischen Ortes, an dem sich nach christlich gedachter Überlieferung Todsünde vollzieht, entzieht. Die Welt der Postmoderne blitzt auf wie eine einsam verirrte Rosine im Mandelgebäck. Die stupende apokryphe Schnitttechnik, die die Künstlerin in dieser mit erlesenem Geschmack und der herkuleischen Klebekraft von Uhu ausgestalteten Weise zur Anwendung bringt, gemahnt an die ägyptischen Zeitzeugen einer untergegangenen Hochkultur, unterstützt zugleich die größte dramaturgische Raffinesse der gestalteten dramatischen Expropriation sensibelster Delikatessstellen, die Ilse Fässle walten ließ. Wie feingliedrig verläuft die fragile Lineatur des Ästleins entlang der morphologischen Furche zwischen Bein und Bauch und wendet sich in keuscher Bewegung von einer Berührung der Stätte des unendlichsten Geheimnisses der Schöpfung ab! Eine im vollen Bewusstsein menschlicher Befähigung zur mystischen Attribution mit bildnerischen Mitteln in klassischer Manier geschaffener kosmologischer Bedeutungshorizont, der den Menschen als Wesen auf der Suche nach Sinn mit frappantem Gehalt füllt. Eine an das Paradies gemahnende Sphärenmusik der makellosen Reinheit, ins Ewiggültige erhöht durch den Verzicht auf die erdige peinture des frühen van Gogh. Statik und Dynamik zugleich: es hat die gnostische Dynamik der Kräfte einer verborgenen Weltseele, die uns im Innersten bewegen, in diesem Mittelstück ihren gültigen Ausdruck gefunden.

 

Wenden wir uns nun mittels einer leichte Drehung unserer Körper dem rechten Flügel des Triptychons zu, um ihm unsere analytische Betrachtung zuteil werden zulassen. (zeigt auf das Bild)

 

Wir erschrecken zutiefst an Körper Geist und Seele, wie Goethe mit faustischem Drängen unsere Ganzheitlichkeit definiert hat, wenn sich unseren Augen die gnadenlose Unbarmherzigkeit kund tut, mit dem in phantastischer Doppelpyramidalkonstruktion die schmerzliche Vollendung des Weltgeistes Hegelscher Prägung unsägliche Schmerzen auslöst. „Nachbarin, noch ein Fläschchen!“ möchte man mit Gretchen in Faust I. ausrufen, da die jähe Erkenntnis der Folgen des Geschehens auf deutschen Bühnen und in deutschen Kunstgalerien das gestaltende Chaos offenbart, das die unsägliche Flachheit des heutigen Geschehens, dem man das Attribut „Kultur“ nicht beifügen kann, an das Licht der Wahrheit zerrt. Mit brutaler Offenheit ruft uns Ilse Fässle in der aufklärenden Form einer Säulengrafik zu: „Haltet ein!“ Folgt dem Fingerzeig der Hand des Kundigen, die auf die vergifteten Früchte des hemmungslosen Gebrauchs des unter ein Feigenblatt sich zurück gezogen Habenden verweist. Das hirnaustreibende und es ersetzende kulturschändende Katarakt der Kochshows hat, gleich dem sich besinnungslos um sich selbst drehenden Rührwerk einer mechanischen Küchenmaschine, in unserer Zeit den unendlichen Reichtum der tradierten Künste vertrieben. Endstadium einer Epoche, von schwärenden Wunden gezeichnet, von der existenziellen Geworfenheit in verschlingende Untiefen des falschen Seins in der falschen Welt der metamorphosierten späten Postmoderne, die, in Anlehnung an die verquasten Phraseologien Nietzschescher Deprivation, der Menschheit ihre wahre Befindlichkeit vor die irregeleiteten Augen schleudert. Beim analysierenden Anblick auf die dekouvrierende Kunst unserer heute zu ehrenden Künstlerin erleben wir die Welt, von der Künstlerin sichtbar gemacht durch ein komplexes Gewebe und Gebilde von Farben, Linien und Flächen und deren Zusammen- und Gegeneinanderspiel, eine – nur auf den ersten Blick verwirrende, auf den zweiten Blick sieht es ganz anders aus, – Vielfalt der Formungen, die nach der Balance der Harmonie suchen. Ein komplexes Labyrinth von Empfindungen, in dem Ariadne kein roter Faden sicheren Weg in die Eindeutigkeit weist. Den roten Faden, den eigenen Weg zum Eigentlichen unseres Selbst, müssen wir auf uns allein gestellt finden, zu unserer biografischen Landschaft des ganzheitlich Begriffenen.

 

Insgesamt variiert und vertieft das in seiner Einmaligkeit zu verinnerlichende Triptychon die existentielle Problematik. Spontan gestisch, nicht von berechnendem Kalkül gesteuerte bildhafte Fragmente, assoziative Erinnerungen an in Träumen und Phantasie Erlebtes, werden durch das Umfeld von energetisch aufgeladene weißen Grafismen in der Form von unversehrten Flächen in eine fragile Ordnung gebunden. Das dynamische Wechselspiel zwischen kreativer Spontaneität von gestischem Verve und dem Ausbalancieren der Kräfte, die dialogische Bezüglichkeit von Zufall und Kontrolle. Ungeordnetes und dynamische Ordnung zugleich. Abbild des Wesentlichen unserer Existenz. Zufälliges und Geordnetes stößt auf uns ein, reibt sich, ergänzt sich, wir müssen beides in eine latent zerbrechliche Ordnung bringen. Die anmutenden Prägungen von Fundstücken, mit reichlich verwendetem „Britt“ – oder verwendete die Künstlerin „Uhu“? - auf kostbarem Malgrund zusammengeklebt, erzählen uns in der vorerwähnten Weise von unserem wirklichen Leben, von seinem Substrat. Sie sind die wahren „Tagebücher“ und „Erinnerungen“, von anderem Gehalt als die an objektive Fakten von Texten mit gleichen Titeln in den Buchhandlungen, die allenfalls die äußere Kulisse abbilden, hinter denen sich das Eigentliche, das Erleben der Sinne ereignet. Nicht das Bewusste, es ist das plötzlich aufscheinende Unbewusste, das der spontanen Malerei die gestaltende Hand lenkt. Keine denkende Äußerung, sondern unkontrollierte Ent-Äußerung des mit den Sinnen erlebten Lebens. Nicht die Konstante der Grundform, die Varianten der seelisch–emotionalen Verfasstheit macht das Individuum aus. Eine Künstlerin sucht und gestaltet hinter dem Körperlichen das Wesen der Erscheinung. Aufscheinen und Widerschein der seelischen Verfasstheit eines Menschen.

 

Meine sehr geehrten Anwesenden, hochverehrte Künstlerin Ilse Fässle, ich bin am Ende.

 

 

pitsblogog am 11.8.12 11:44


DIE FRAGE BLEIBT

Halte dich still, arbeit dich nicht krumm,

nur nicht forschen, warum? warum?

 

Nur nicht bittre Fragen tauschen,

Antwort ist doch nur wie Ohrenrauschen.

 

Wenn dich auch letztlich das Sozialamt betreibt,

das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

 

(nach Fontane)

Pit Segriet am 8.8.12 11:13


Norbert 60

 

Aus dem blühenden Kulturleben von Irgendwo

 

Neulich kam es bei uns in Irgendwo wieder zu einem Höhepunkt der bei uns heimischen Hochkultur. Norbert, mein alter Freund und Zahnarzt in der Gemeinde, wurde 60. Was das mit Hochkultur zu tun hat, will ich berichten.

 

Zu dem Ereignis unserer Hochkultur  kam es durch den selbstlosen Einsatz von Yvonne, der Frau von Norbert, die er als junger Mann aus dem Urlaub in Frankreich (sowie, wie sich bald zeigte, Jeanette, die damals noch sehr kleine Tochter) mitgebracht hat. Auf diese Weise hat Norbert auch die Völkerverständigung in unsere Gemeinde gebracht. Yvonne wurde mit der Zeit bei uns in Kultur tätig und hat sie in unserer Gemeinde – zusätzlich zum Bauernschwank, den die Freiwillige Feuerwehr  jedes Jahr im dann ausgeräumten Spritzenhaus zur Aufführung bringt – zur Hochblüte gebracht. Zuerst hat sie eine Kreativwerkstatt ins Leben gerufen. In dieser haben bei Kaffee und Kuchen als ehernem Bestandteil des Kulturschaffens eine Handvoll Frauen aus den besseren Kreisen von Irgendwo wöchentlich wunderschöne Lavalampen gebastelt. Schon bei diesem Tun – erst recht danach - zeigte sich der wunderbare Reichtum der deutschen Brauchtumspflege, die ein unauslöschlicher Grundpfeiler unserer nationalen Brauchtumspflege ist. Als mit der Zeit die gehobenen Einfamilienhäuser der kreativen Frauen mit Lavalampen überreichlich ausgestattet waren, kam die Kreativwerkstatt in die Krise. Diese wurde dadurch gelöst, dass die Kreativwerkstatt in einen Kulturverein umgewandelt wurde. Yvonne wurde die geborene Vorsitzende, unser Bürgermeister der stellvertretende Vorsitzende und Norbert wurde zum Schatzmeister berufen. In dieser ehrenvollen Position bezahlt er, wie zuvor in der Kreativwerkstatt, wöchentlich den Kaffee und Kuchen für die Künstlerinnen, wie sich die Frauen seit der Gründung des Kulturvereins nennen. Nunmehr ist Schluss mit den Lavalampen, die Künstlerinnen haben sich dem Aquarell auf französische Art zugewandt, zu dem sie Yvonne, die geborene Französin, anleitet. So viel zum Hintergrund des heutigen Berichts. Ich habe etwas weiter ausgeholt, weil das mit unserem Kulturleben in Irgendwo ziemlich   kompliziert ist.

Nun aber zum Verlauf des Ereignisses als Mittelpunkt meines Berichts.

 

Yvonne als Vorsitzende des Kulturvereins hat das Ereignis der Hochkultur von Norberts 60. Wiegenfest im Festsaal der  „Linde“, der 60 Personen Platz bietet, organisiert.

Um die  festliche Verankerung des Kulturkreises unter dem Vorsitz von Yvonne in unserer Gemeinde zu stärken, nahm der Bürgermeister, der stellvertretende Vorsitzende, den runden Geburtstag von Norbert zum Anlass, er ließ vom Bauhof die für besondere Anlässe vorgesehenen 2 Lorbeerbäume und das Rednerpult aus dem Rathaus zur „Linde“ bringen. Mit dieser Maßnahme fand das Ereignis einen sehr festlichen Rahmen.

Dann kam der Abend selbst.

 

Der Festsaal der „Linde“, voll gespannter Erwartung, aber die Stimmung noch nicht am Sieden, war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Räuschle Sepp, der Wirt der „Linde“, rieb sich die Hände. Schon beim Eintreffen von Norbert drückte er ihm beide Hände, gratulierte mit ausgewählten Worten, wie er sie sonst nur bei Hochzeitsfeiern und Leichenimbissen in der „Linde“ verwendet; ehrlich meinte er zu Norbert: „Du solltest jedes Jahr zweimal 60. Geburtstag feiern!“

In der ersten Reihe saßen neben dem Bürgermeister in der Mitte Norbert, Yvonne und Jeanette, daran anschließend nach der Rangordnung von Irgendwo der Hauptkommandant der Freiwilligen Feuerwehr, der Hochwürden Hilarius, die elf Vorsitzenden der anderen Vereine unserer Gemeinde und der Vikar Tuntig.

 

Die Trachtenkapelle verdiente sich ihr Freibier (das Norbert freiwillig spendierte), indem sie feierlich in die kulturelle Festlichkeit durch das Abspielen von Perlen der bei uns heimischen Hochkultur einleitete.  Sie intonierte Norberts unverwüstliche Lieblingsmelodien, die auch bei den Heimatabenden in Irgendwo großen Anklang finden und eine Bombenstimmung aufkommen lassen. Unter der bewährten Stabführung ihres langjährigen Dirigenten, dem Hamann Egon, kam es so zu den ersten Höhepunkten. Zuerst ertönte der Radetzky-Marsch, der Jung und Alt erfreute. Dann kam das  Badnerlied. Norbert hat diese Tradition so gern wie von Parodontose befallene Zähne. Pro Jahr zwei raus, ruck – zuck, schon ist neuer Platz für zwei weitere Implantate. Der ganze Saal sprang auf und sang aus voller Kehle mit. Das war sehr beeindruckend. Ein solches Kulturereignis gibt es nur in  Irgendwo. Mit den letzten Takten brandete rauschender Beifall  auf, er steigerte sich bis er frenetisch genannt werden konnte, den sich unsere Trachtenkapelle infolge ihrer beseelten Darbietung voll verdient hatte. Danach setzte sich das Publikum wieder und bot dem Räuschle Sepp die Gelegenheit, vor der Rede unseres langjährigen Bürgermeisters die nächste Runde zu servieren.

 

Mit gemessenen Schritten, wie sie hohen Kulturereignissen angemessen sind, schritt der langjährige Bürgermeister unserer unbeschreiblichen Gemeinde zum Rednerpult zwischen den beiden Lorbeerbäumen, um erneut einen „unvergesslichen Beitrag zum geistigen Erbe des Abendlandes“, schrieb unsere Heimatzeitung in einem Bericht, zu leisten. Er räusperte sich zweimal, klopfte mehrmals an das Mikrofon und fing mit seiner Rede an, als es mehrmals dong, dong aus den Lautsprechern machte.

 

„Lieber Norbert, heute an Deinem Ehrenfest darf ich Dich herzlich begrüße und im Namen unserer Gemeinde beglückwünsche und Dir alles Gute wünsche. An Deiner Seite sitzt Deine liebe Gattin Yvonne, wo die Vorsitzende der Kultur in unserer Gemeinde isch und die Tochter Jeanette, wo sich nicht hat nehme lasse, aus weiter Ferne herbeizueilen, um Dir nachher ein Gedicht vorzutragen. Ferner gilt meine Begrüßung dem Hauptkommandanten unserer Freiwilligen Feuerwehr, unserem bewährten Edmund Huber, sowie den übrigen Vorsitzenden der Vereine und alle Gäschd, wo gekommen seid.

Lieber Norbert, an dieser Stelle darf ich Dir mal den Dank der Gemeinde aussprechen, dass es Dich bei und gibt. Ohne Deine selbstlose Bereitschaft, Deine zahnärztliche Kunschd unseren faulen Zähnen zu widmen, müssten wir immer in die Kreisstadt gehen, weil dort noch ein Zahnarzt isch. Das wär schlimm, weil der Kerl in der SPD isch. Ein anständiger Christenmensch legt so einem nicht seinen Krankenschein auf den Tisch. So sind wir unserem Herrgott dankbar, das wir Dich zu uns zähle dürfe.

Vom Gemeinderat darf ich Dir eine Urkunde zu Deinem runden Wiegenfeschd überreiche.

So könne wir heut ein frohes Fest begehe, zu dem ich ein gutes Gelinge wünsche darf.“

 

Mit seiner Rede hatte der Bürgermeister tief die Gemüter der Festgesellschaft berührt.

Der Marsch „Alte Kameraden“, dargeboten von der Trachtenkapelle begleitete unseren Bürgermeister auf dem Weg zu seinem Stuhl und Jeanette zum Rednerpult, an dem sie ein selbstverfasstes Gedicht zu Ehren ihres Vaters zum Besten gab. Mit fester Stimme trug sie vor:

 

„Lieber Papa,

 

zu Deinem runden 60. Wiegenfeste

wünsche ich Dir viel Gesundheit und auch sonst das Beste.

An deren Spitze steht das Eine,

viel Erfolg beim Sammeln von Krankenscheine.“

 

Brausender Applaus belohnte diese wohlgesetzten Worte.  Aber Jeanette war noch nicht am Ende, Norbert bekam noch weiter sein Fett weg.

 

„Lieber Papa, ich wünsche Dir auch,

dass nicht noch dicker werde Dein Bauch.

Lieber Norbert ich sage Dir,

das dicke Ding kommt vom vielen Bier.

Vom vielen Besuch beim Lindenwirt Räuschle,

bekamst Du manches Räuschle

und dazu Dein dickes Bäuchle.

 

Auf diesem hohen Kulturniveau dichtete Jeanette noch viele Strophen weiter. Dadurch erreichte der Festsaal der „Linde“ seinen Siedepunkt. Eine wahre Strapaze für die Lachmuskeln der Gäste von Norbert, die ein ums andere Mal in stürmische Begeisterung ausbrachen, die die Zwerchfelle erschütterte. Schließlich kam Jeanette ans Ende.

 

„Jetzt will ich nicht mehr viel sagen,

denn es knurrt mein hungriger Magen.

Doch bald ist er sehr erbaut,

zu Papas Freude gibt’s beim Räuschle Schlachtplatt und Sauerkraut.“

 

Damit endete Jeanette. Zum gemütlichen Teil des Abends wurde die Ehrenstuhlreihe nach dem offiziellen Teil weggeräumt und die dort aufgereihten Honoratioren verteilten sich an die Tische, an denen ihnen ein Platz reserviert war.

 

Wieder hatte Irgendwo eine blühende Hochkultur erlebt.

Pit Segriet am 4.8.12 11:07


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